Der Tag hat 30 Stunden – Folge 3.BE09 (#122) mit Benjamin "Beni" Bögli – Brautag – Bier und Hobbybrauen mit Flo & Paul
Folge 3.BE09 (#122) – Bögli Bräu – Hobbybrauen ohne Müssen
Transparenzhinweis: Die in dieser Folge besprochenen Produkte wurden entweder kostenlos zur Verfügung gestellt oder von uns selbstständig erworben. Sofern Produkte kostenlos zur Verfügung gestellt wurden, wird dies in der Folge mündlich klar gekennzeichnet.
Wie passen drei Kinder, ein Beruf in der IT und eine Kleinbrauerei in einen Tag? Benjamin „Beni“ Bögli hat darauf eine ebenso ehrliche wie sympathische Antwort: „Ich probiere irgendwie 30 Stunden in die 24 Stunden reinzukriegen.“ In dieser Bierexperten-Folge sprechen wir mit dem Gründer von Bögli Bräu über seine Entwicklung vom Einkocher zur großen, selbst konfigurierten Anlage, über trinkbare hopfenbetonte Biere und über die Grenze, an der Wachstum die Freude am Hobby gefährden würde.
Bögli Bräu: Hobbybrauer aus Freude
Benis Weg beginnt nicht mit einem Businessplan, sondern mit einer Reise. In Kalifornien erlebt er die Vielfalt amerikanischer Biere, probiert unter anderem Blue Moon, Stone IPA und Pliny the Elder und nimmt die Neugier mit nach Hause. Ein Kollege ermutigt ihn schließlich zum ersten eigenen Sud. Statt des zunächst geplanten New England IPA wird es vernünftigerweise ein Pale Ale aus dem Einkocher mit Brew in a Bag. Das Bier ist trüb, aber trinkbar – und genau das reicht als Startsignal [1].
Heute steht hinter Bögli Bräu eine offiziell auftretende Kleinbrauerei in Egnach. Auf der eigenen Webseite beschreibt Beni seine Biere als handwerklich produzierte Kleinmengen und sich selbst als „Hobbybrauer aus Freude“ [1]. Die dokumentierte Entwicklung der Kellerbrauerei reicht von 50 Litern über mehrere parallele Braumeister bis zur heutigen größeren Anlage [2]. Technik und Mengen wachsen, die persönliche Motivation bleibt aber dieselbe.
30 Stunden in 24: Familie, Beruf und Braukeller
Beni arbeitet zu 80 Prozent als Netzwerkingenieur; der übrige Teil der Woche gehört seinen drei Kindern. Gebraut wird deshalb an den Rändern des Tages: nachts, nachdem die Kinder im Bett sind, oder ab vier Uhr morgens, damit der Brautag gegen zehn Uhr beendet ist. Möglich wird das nur durch klare Absprachen, gemeinsame Zeit und eine Partnerin, die das intensive Hobby mitträgt.
Das klingt nach zusätzlichem Stress, ist für Beni aber ein Ausgleich. „Es ist für mich so ein Stück Yoga-Zeit“, sagt er über die ruhigen Stunden im Braukeller. Wiederkehrende Arbeiten wie Abfüllen, Etikettieren oder das Reinigen vieler Kegs verbindet er mit Podcasts. Gleichzeitig hat er gelernt, Grenzen zu ziehen: Besuche am Brautag, Rampenverkäufe und manche Veranstaltungen passen nicht mehr in den Alltag.
All-Day IPAs statt Alkoholrekorde
Benis Handschrift sind hopfenbetonte, zugängliche Biere. Ein IPA muss für ihn keine 90 IBU und keinen hohen Alkoholwert haben. Frucht, Bittere, Malzbasis und Körper sollen so zusammenspielen, dass ein Bier charaktervoll bleibt und trotzdem zum Weitertrinken einlädt. Auch ein New England IPA um fünf Volumenprozent kann diese Idee erfüllen. Die aktuellen Stilrichtlinien der Brewers Association führen Session IPA bewusst als niedrigere Alkoholvariante moderner IPA-Stile und betonen Balance sowie hohe Trinkbarkeit [3]. Stilrichtlinien sind dabei Orientierung, keine kreative Grenze – auch die BJCP beschreibt sie als Werkzeug zur sensorischen Einordnung [4].
Fünf Biere zwischen Limette, Schokolade und Hopfen
Den Auftakt macht das Mexican Lager Salt & Lime. Limettensaft und -schale, ergänzt durch Zitrone, bringen eine intensive, sommerliche Frische. Die Lagerhefe SafLager W-34/70 lässt das Bier trockener und „crisper“ wirken; Fermentis beschreibt den Stamm als robuste Lagerhefe für neutrale, gut trinkbare Biere [5]. Die ursprüngliche Ale-Fassung geht auf eine Inspiration durch Timo Hogeback zurück. Wer tiefer einsteigen möchte, findet ihn in Folge 1.BE01 – Hobbybrauer Timo Hogeback. Ein Bögli-Bräu-Bier war außerdem bereits in unserer Folge 3.LP08 – Spontane Läuterpause im Glas [6].
Beni trinkt außerdem sein junges Simcoe IPA, während wir einen leichten Porter mit fünf Volumenprozent probieren. Wiener und Münchner Malz sowie mehrere Karamell- und Röstmalze erzeugen Milchschokolade, Nuss und eine feine rote Fruchtigkeit, ohne aggressive Röstbittere. Christian Tilles Winterfestbier ergänzt die dunkle Runde; mehr über Christian und sein Sieger-Cold-IPA gibt es in Folge 3.BE04 [7]. Später folgt das Cold IPA aus Sud L200: Nach rund sechs Monaten wirkt es hell, zitrisch und bemerkenswert frisch. Citra, Mosaic und Krush liefern die Hopfenaromatik; Krush wird vom Züchter mit Orange, Mango, Guave, Pfirsich und Beeren beschrieben [8].
Frische als Qualitätssystem
Oxidation war für Beni früh der wichtigste Qualitätsgegner. Aus braun gewordenen NEIPAs entstand ein konsequenter Prozess: geschlossener Transfer, CO₂ beim Cold Crash, Kegs statt warmer Flaschengärung, dauerhafte Kühlung und Abfüllung nur nach Bedarf. Die Hintergründe zu Heiß- und Kaltseitenoxidation vertiefen wir in Folge 3.03 – Oxidation: der größte Feind des Bieres [9]. Als prominentes Vorbild nennt Beni Russian River. Die Brauerei fordert selbst dazu auf, Pliny the Elder gekühlt zu lagern und frisch zu trinken, damit der intensive Hopfencharakter erhalten bleibt [10].
Für kleinere Sude schätzt Beni den FermZilla All Rounder. Der Hersteller dokumentiert Druckgärung, Karbonisierung und geschlossene Transfers als zentrale Einsatzmöglichkeiten [11]. Entscheidend ist für Beni aber nicht das teuerste Gefäß, sondern ein lückenlos verstandener Prozess – von der Gärung bis zum gekühlten Ausschank.
Vom Braumeister zur RIMS-Anlage
Nach dem Einkocher folgen ein geliehener 20-Liter- und später mehrere 50-Liter-Braumeister. Das automatisierte Malzrohrsystem spart Zeit und ermöglicht es, während des Maischens bei der Familie zu sein. Speidel bietet dieses Prinzip heute in zahlreichen Größen an [12]. Als drei parallele Geräte und Doppelsude körperlich und organisatorisch zu aufwendig werden, lässt Beni einen 250-Liter-Maischebottich so fertigen, dass er durch die nur 79 Zentimeter breite Kellertür passt. Mit zwei 200-Liter-Kochkesseln erreicht er bei passenden Rezepten rund 340 Liter Ausschlag [2].
Die Steuerung basiert auf CraftBeerPi, einer offenen Raspberry-Pi-Lösung für Brau- und Gärprozesse [13]. Als ergänzender technischer Gegencheck dokumentiert Fermentrack die offene Überwachung von Gärtemperatur und Gärverlauf, unter anderem mit Tilt und iSpindel [14]. Für größere Chargen nutzt Beni zwei F150-Unitanks von Brewtools; die offizielle Dokumentation beschreibt Aufbau, Druckbetrieb und Anschlüsse dieser Tankfamilie [15]. Sensoren überwachen in Benis Anlage Flüssigkeitsstand und Durchfluss. Gerade beim RIMS entscheidet dieser Durchfluss über die Sicherheit: Zu feines Schrot oder ein verdichtetes Maischebett können den Fluss stoppen und das Heizelement zum Anbrennen bringen. Ein Industriesensor gibt die Heizung deshalb erst ab einem definierten Mindestdurchfluss frei.
Trotzdem läuft die Anlage nicht blind ein Programm ab. Große Maischemengen reagieren träge, Temperaturstufen brauchen Erfahrung, und manchmal ist heißes Wasser die sinnvollere Hilfe. Automatisierung ersetzt also kein Anlagengefühl. Sie macht einen verstandenen Prozess reproduzierbarer.
Vom Hobbybier zum legalen Verkauf
In der Schweiz sind bis zu 400 Liter selbst gebrautes Bier pro Kalenderjahr steuerfrei, solange Privatpersonen es ausschließlich selbst, mit Familie oder Gästen und unentgeltlich konsumieren. Wer mehr produziert oder Bier an Dritte abgibt, muss sich registrieren und die Vorgaben zur Biersteuer beachten [16]. Für Kennzeichnung und Lebensmittelinformation gelten zusätzliche Vorgaben, etwa zu Zutaten, Allergenen und Alkoholgehalt [17]; je nach Kanton können weitere Bewilligungen hinzukommen. Beni schildert diesen Weg als machbar, wenn man Zoll- und Lebensmittelbehörden frühzeitig einbindet.
Die Schweizer Brauereiszene ist ungewöhnlich dicht. Laut BAZG stieg die Zahl steuerpflichtiger Brauereien von 81 im Jahr 2000 auf 1.278 im Jahr 2021 und sank anschließend auf 1.091 im Jahr 2025 [18]. Bögli Bräu gehört zu diesen Betrieben, bleibt mit 3.000 bis 4.000 Litern Jahresausstoß aber bewusst klein. Verkauft wird direkt auf Bestellung, über einen Hofladen, einzelne Restaurants, zwei Beer-Pubs und einen Getränkemarkt mit Kühlplatz. Die offizielle Bestellseite nennt außerdem Mehrweg, Event- und Firmenbier sowie stromlose Zapffässer [19]. Fässer fährt Beni teils per S-Pedelec nach St. Gallen.
Hobby plus – aber ohne Müssen
Beni braut, worauf er Lust hat. Selbst ein Restaurant bekommt nicht automatisch immer genau dieselbe Hopfenkombination. Statt fester Lieferverträge gibt es Flexibilität, saisonale Pausen und wechselnde IPAs. Alle Biere kosten gleich viel; entscheidend ist nicht die perfekte Kalkulation jedes Hopfenkilos, sondern dass Einnahmen neue Technik und Rohstoffe finanzieren.
Am Ende formuliert Beni seine Grenze klar: „Ich mache nicht weiter, sonst macht es keinen Sinn mehr für mich. Sonst ist es nicht mehr Hobby.“ Genau darin liegt die stärkste Erkenntnis dieser Folge. Effizienz schafft Freiraum, aber sie ist kein Selbstzweck. Wer sein System versteht, kann Technik, Handwerk und Alltag verbinden – und dabei die Freude am Brauen bewahren.
Wie organisiert ihr euren Brautag zwischen Beruf, Familie und anderen Verpflichtungen? Schreibt uns auf Instagram oder schickt uns eine Sprachnachricht über SpeakPipe.
Die verkosteten Biere im Überblick
- Mexican Lager Salt & Lime – Bögli Bräu
- Simcoe IPA – Bögli Bräu
- Porter – Bögli Bräu
- Winterfestbier – Christian Tille
- Cold IPA (Sud L200) – Bögli Bräu
Quellen und weiterführende Informationen
[1] Bögli Bräu: „Über mich“. Offizielle Eigenbeschreibung zu Benis Craft-Beer-Auslöser, NEIPA-Faszination und Einstieg ins Brauen.
https://www.böglibräu.ch/uebermich
[2] Bögli Bräu: „Die Brauerei“. Offizielle Angaben zur Anlagenentwicklung, Kellerbrauerei, CraftBeerPi und Photovoltaik.
https://www.böglibräu.ch/rohstoffe-und-anlage
[3] Brewers Association: „2026 Beer Style Guidelines“. Stilbeschreibung und Kennzahlen für Session IPA.
https://www.brewersassociation.org/edu/brewers-association-beer-style-guidelines/
[4] Beer Judge Certification Program: „2021 Beer Style Guidelines“. Stilrichtlinien zur sensorischen Einordnung von Bier.
https://www.bjcp.org/style/2021/beer/
[5] Fermentis: „SafLager W-34/70“. Offizielle Produktbeschreibung der Lagerhefe.
https://fermentis.com/en/product/saflager-w-34-70/
[6] Brautag Podcast: „Folge 3.LP08 (#119) – Spontane Läuterpause“. Frühere Verkostung des Pastry Sour Himbeer & Brombeere von Beni Bögli / Bögli Bräu.
/2026/08/01/folge-3-lp08-119-spontane-lauterpause/
[7] Brautag Podcast: „Folge 3.BE04 – Christian Tille – Vom Luther Porter zum Maisel-Sieger-Cold-IPA“.
/2026/05/14/folge-3-be04-christian-tille-vom-luther-porter-zum-maisel-sieger-cold-ipa/
[8] Yakima Chief Hops: „Krush Brand“. Offizielle Sortenbeschreibung von Krush HBC 586.
https://www.yakimachief.com/variety/krush-brand
[9] Brautag Podcast: „Folge 3.03 – Oxidation: der größte Feind des Bieres“. Vertiefung zu Oxidationspfaden, Kaltseite und Geschmacksstabilität.
/2025/12/25/folge-3-03-oxidation-der-groste-feind-des-bieres/
[10] Russian River Brewing Company: „Pliny the Elder“. Produktbeschreibung und Frischehinweis.
https://www.russianriverbrewing.com/brew/pliny-the-elder/
[11] KegLand: „FermZilla All Rounder 30L & 60L User Guide“. Druckgärung, Karbonisierung und geschlossener Transfer.
[12] Speidel: „Speidels Braumeister“. Offizielle Produkt- und Herstellerinformationen.
https://www.speidel-braumeister.de/
[13] CraftBeerPi 4: offizielles GitHub-Projekt. Open-Source-Software zur Steuerung von Brau- und Gärprozessen.
https://github.com/craftbeerpi/craftbeerpi4
[14] Fermentrack: offizielle Dokumentation. Open-Source-Weboberfläche zur Überwachung von Gärtemperatur und Gärverlauf.
[15] Brewtools: „Unitank Documentation“. Offizielle Dokumentation zu Unitanks, Druckbetrieb und Anschlüssen.
https://docs.brewtools.com/fermentation/unitank
[16] Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit: „Biersteuer – Informationen und Steuersätze“. Aktueller Gegencheck zu Steuerpflicht, Steuerentstehung und Kleinbrauereien in der Schweiz.
https://www.bazg.admin.ch/de/biersteuer-informationen-und-steuersaetze
[17] Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen: „Informationen auf der Lebensmitteletikette“. Kennzeichnung, Zutaten, Allergene, Alkoholgehalt und Datierung.
https://www.blv.admin.ch/de/lebensmitteletikette
[18] Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit: „Entwicklung der steuerpflichtigen Brauereien 1930–2025“.
https://www.bazg.admin.ch/dam/de/sd-web/LHKA-no1RLTs/Brauereien%201930%20-%202025.pdf
[19] Bögli Bräu: „Bestellen“. Aktuelles Sortiment, Mehrweg, Event- und Firmenbier sowie stromlose Zapffässer.
https://www.böglibräu.ch/bestellen
Abrufdatum der Internetquellen: 26. August 2026

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