Folge 3.BE06 – Bernd Strehl – Lagerliebe, Brausoftware und die letzten 2 Prozent

   

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Folge 3.BE06 – Bernd Strehl – Lagerliebe, Brausoftware und die letzten 2 Prozent Brautag

  1. Kurzbeschreibung der Folge   
    1. Vom Craft-Beer-Entdecker zum Lagerbernd
    2. Die letzten zwei Prozent entstehen aus vielen Kleinigkeiten
    3. Low-Oxygen Brewing: sinnvoller Werkzeugkasten statt Glaubensfrage
    4. Kalte Gärung und klare Würze
    5. BrewForge: Brausoftware aus Hobbybrauerperspektive
    6. Stiftung Lagertest und Lagerbierwettbewerb
    7. Gewinnspiel: TRMNL-Display für BrewForge-Nutzer
    8. Fazit: Perfektion braucht Richtung, nicht Dogma
    9. Biere in dieser Folge
  2. Quellen 

Kurzbeschreibung der Folge   

Transparenzhinweis: Die in dieser Folge besprochenen Produkte wurden entweder kostenlos zur Verfügung gestellt oder von uns selbstständig erworben. Sofern Produkte kostenlos zur Verfügung gestellt wurden, wird dies in der Folge mündlich klar gekennzeichnet.

Werbung: Maisel & Friends hat uns Europia kostenlos zur Verfügung gestellt. Die drei Biere von Lagerbernd sind Hobbybrauerbiere.

Lagerbier wirkt auf den ersten Blick oft schlicht. Im Glas zeigt es sich klar, trinkbar und unaufgeregt – doch genau darin liegt seine Schwierigkeit. In dieser Folge von „Bier-Experten im Rampenlicht“ sprechen wir mit Bernd Strehl, besser bekannt als Lagerbernd, über seinen Weg zum Lagerbierspezialisten, seine Brauphilosophie und die Frage, wie weit wir als Hobbybrauer für die letzten zwei Prozent Qualität gehen wollen.

Dabei bleibt es nicht bei Theorie. Wir verkosten fünf Biere, diskutieren Low-Oxygen Brewing, kalte Gärung, klare Würze und Dekoktion und schauen ausführlich auf BrewForge, Bernds eigene Brausoftware. Außerdem geht es um Bill Brew, den Stiftung-Lagertest-Wettbewerb und ein Gewinnspiel rund um ein TRMNL-E-Ink-Display.

Vom Craft-Beer-Entdecker zum Lagerbernd

Bernds Bierweg begann nicht mit fränkischem Kellerbier, sondern mit Radeberger Pils im elterlichen Restaurant, ersten Craft-Beer-Entdeckungen und einer ausgeprägten IPA-Phase. 2018 folgte der Einstieg ins Hobbybrauen mit einem kleinen Fünf-Liter-Set. Danach wurde breit experimentiert: Pale Ale, Porter, Kellerbier, Oktoberfestbier und natürlich immer wieder IPA.

Der entscheidende Richtungswechsel kam mit Besuchen in Bamberg und der Erkenntnis, dass Lagerbier keineswegs neutral oder langweilig sein muss. Gerade die charaktervollen, hervorragend trinkbaren Biere kleinerer fränkischer Brauereien wurden für Bernd zum Maßstab. Aus Hopload wurde schließlich Lagerbernd – und aus gelegentlichen untergärigen Suden ein konsequenter Schwerpunkt. Bernd braut seit 2018 und hat inzwischen mehr als 200 Sude dokumentiert [1][2].

Diese Spezialisierung öffnete auch die Tür zu Bill Brew. Die Hamburger Brauerei aus Billwerder setzt auf fränkisch inspirierte Lagerbiere; Bernd war an der Entwicklung erster Rezepte und beim Aufbau der Braupraxis beteiligt [5]. Heute braut dort ein ausgebildeter Braumeister, Bernd bleibt dem Projekt aber verbunden und entwickelt weiterhin Prototypen.

Die letzten zwei Prozent entstehen aus vielen Kleinigkeiten

Ein zentraler Gedanke der Folge lautet: Ein einzelner Prozessschritt macht selten den Unterschied zwischen einem ordentlichen und einem herausragenden Lagerbier. Entscheidend ist die Summe vieler kleiner Details.

Bernd beschreibt seine persönliche „Evidenzpyramide“: Einzelne Hobbybrauermeinungen und einmalige Vergleichstests können Anregungen liefern. Besonders viel Gewicht gibt er aber den Erfahrungen professioneller Brauer, die über Jahre dieselben Biere auf derselben Anlage herstellen und kleinste Veränderungen erkennen können. Wer ein Rezept hunderte Male braut, entwickelt eine sensorische Baseline, die sich im Hobbymaßstab kaum reproduzieren lässt.

Daraus leitet Bernd keine Pflicht zum technischen Perfektionismus ab. Anfänger sollten zunächst unterschiedliche Bierstile brauen, Erfahrungen sammeln und herausfinden, was ihnen wirklich schmeckt. Wer später gezielt optimieren möchte, kann sich an den klassischen Grundlagen orientieren: konstante Gärführung, saubere Würze, vernünftige Rohstoffe, kontrollierte Abfüllung und ein Prozess, der zur eigenen Anlage passt.

Low-Oxygen Brewing: sinnvoller Werkzeugkasten statt Glaubensfrage

Der technisch tiefste Teil der Folge dreht sich um LoDo beziehungsweise Low Dissolved Oxygen Brewing. Gemeint ist ein möglichst sauerstoffarmer Prozess, der nicht erst bei der Abfüllung beginnt, sondern bereits beim Brauwasser, Einmaischen und Läutern ansetzt. Zu den typischen Maßnahmen gehören entgastes Brauwasser, vorsichtiges Unterlassen des Malzes, minimale Bewegung an der Oberfläche, gefüllte und gespülte Leitungen sowie antioxidative Hilfsmittel wie Natrium- oder Kaliummetabisulfit [7].

Das Ziel ist nicht nur, spätere Papp- oder Kartonaromen zu vermeiden. Oxidative Reaktionen können bereits auf der Heißseite Aromavorstufen verändern und die spätere Geschmacksstabilität beeinflussen. Die Chemie der Bieralterung ist komplex; unter anderem spielen Lipidoxidation, Strecker-Aldehyde, Sauerstoff, Temperatur und Lagerdauer zusammen [9][13].

Gleichzeitig ordnet Bernd das Thema angenehm nüchtern ein. Die konsequente Umsetzung ist im Hobbymaßstab schwierig, weil extrem niedrige Sauerstoffwerte ohne teure Messtechnik kaum verlässlich überprüft werden können. Außerdem arbeiten viele Brauereien, deren Lagerbiere er besonders schätzt, nicht nach einem vollständig sauerstoffarmen LoDo-Protokoll.

Sein Fazit: Sauerstoffeintrag sollte auch auf der Heißseite nicht mutwillig erzeugt werden. Klare Würze, wenig Plätschern, vollständig gefüllte Schläuche, ein sauberer Whirlpool und eine möglichst sauerstoffarme Abfüllung sind sinnvolle Best Practices. Ein vollständiger LoDo-Brautag kann für Prozess-Nerds spannend sein, ist aber keine Voraussetzung für gutes Lagerbier. Unsere frühere Spezialfolge mit Lagerbernd und die ausführliche Oxidationsfolge vertiefen diese Themen zusätzlich [8][9].

Wichtig ist auch die sichere Handhabung von Metabisulfit: In Verbindung mit Säuren kann reizendes Schwefeldioxid freigesetzt werden. Chemikalien sollten deshalb nur mit geeigneter Dosierung, Belüftung und Schutzausrüstung verwendet werden [14].

Kalte Gärung und klare Würze

Bernd verwendet für alle drei mitgebrachten Lagerbiere SafLager W-34/70. Fermentis beschreibt den Stamm als robuste untergärige Hefe mit niedriger Ester- und Fuselalkoholproduktion sowie hoher Vergärungsleistung [6]. Bernd führt sie deutlich kälter, als es viele Hobbybrauer tun, und setzt großzügige Hefemengen ein.

Für ihn ist gerade diese Kombination entscheidend: ausreichend vitale Hefe, kalte Anstell- und Gärtemperaturen, eine kontrollierte Diacetylrast und anschließende Spundung. Dazu kommt der Anspruch, möglichst klare Würze in den Gärbehälter zu bringen. Seine Erfahrung: Je sauberer Heiß- und Kalttrub vor der Gärung getrennt werden, desto schneller klärt sich das fertige Bier und desto präziser wirkt es sensorisch.

Das bedeutet nicht, dass trübe Würze zwangsläufig schlechtes Bier erzeugt. Bernd argumentiert vielmehr aus der Praxis: Ein kontrollierterer Eintrag reduziert Variablen und erleichtert die Herstellung wiederholbarer Lagerbiere.

BrewForge: Brausoftware aus Hobbybrauerperspektive

BrewForge ist Bernds Versuch, Brausoftware stärker an seinem eigenen Arbeitsalltag auszurichten. Die Anwendung befindet sich in der öffentlichen Beta und bietet unter anderem Rezept- und Sudverwaltung, Wasserchemie, Bestandsplanung, Geräteintegrationen und einen Brewfather-Import [2].

Im Gespräch stellt Bernd weitere Funktionen vor: Versionsverläufe statt einer strikten Trennung von Rezept und Batch, Einkaufs- und Preisverwaltung, Kalendertermine für Gär- und Hopfenereignisse, BJCP-Bewertungsbögen, Tank- und Kellerplanung, Taplists, Etikettendruck und eine detailliertere Berechnung von Whirlpool- beziehungsweise Hopstand-Bittere. Nutzerfeedback wird direkt in ein Ticketsystem geleitet; hilfreiche Bugreports und Feature-Ideen können über sogenannte Bounty Points honoriert werden.

Eine besondere Erweiterung ist die Anbindung an TRMNL. Das offene E-Paper-Display kann Informationen über Plugins anzeigen und eignet sich damit beispielsweise für Gärkurven, Bestände oder Kalenderdaten [12]. Die Idee dahinter ist sympathisch: Gute Brausoftware muss nicht möglichst oft geöffnet werden, sondern soll die jeweils relevanten Informationen im richtigen Moment bereitstellen.

Stiftung Lagertest und Lagerbierwettbewerb

Mit Stiftung Lagertest hat Bernd außerdem ein eigenes Verkostungsformat aufgebaut. Hobbybrauer können ihm Lagerbiere schicken und erhalten eine direkte, ehrliche Bewertung. Für den geplanten Wettbewerb müssen Teilnehmer bis einschließlich 30. September 2026 mindestens ein von Lagerbernd mit „gut“ oder „sehr gut“ bewertetes Lagerbier vorweisen.

Der Wettbewerbsstil wird ein bernsteinfarbenes Vollbier – also eine Richtung, in der beispielsweise Kellerbier oder Czech Amber Lager als Orientierung dienen können [10]. Die Verkostung ist für Ende November 2026 vorgesehen. Neben den Einreichungen sollen auch ausgewählte Kaufbiere und ein Bier von Lagerbernd blind mitlaufen. So entsteht nicht nur ein Ranking, sondern auch ein interessanter sensorischer Benchmark.

Gewinnspiel: TRMNL-Display für BrewForge-Nutzer

Bis einschließlich 30. September 2026 muss eine BrewForge-Pro-Subscription abgeschlossen worden sein. Sie muss am 1. November 2026 weiterhin aktiv sein; eine reine Teilnahme während der kostenlosen Probephase reicht nicht aus. Das Gewinnspiel findet nur statt, wenn mindestens zehn teilnahmeberechtigte Personen mitmachen. Unter allen berechtigten Personen wird ein TRMNL-E-Ink-Display verlost.

Veranstalter und Ansprechpartner ist Lagerbernd beziehungsweise der Betreiber von BrewForge. Der Brautag-Podcast weist lediglich auf das Gewinnspiel hin und ist weder Veranstalter noch für Auslosung, Durchführung oder Gewinnabwicklung verantwortlich.

Fazit: Perfektion braucht Richtung, nicht Dogma

Diese Folge ist kein Plädoyer dafür, jeden Brautag mit Laborwerten, Sauerstoffmessgeräten und zwanzig zusätzlichen Ventilen zu belasten. Sie zeigt vielmehr, wie wertvoll ein klarer Qualitätsmaßstab sein kann. Bernd weiß, welche Biere er trinken und brauen möchte. Deshalb kann er gezielt entscheiden, welche Details für ihn relevant sind und welche nicht.

Die letzten zwei Prozent entstehen nicht durch einen einzelnen Trick. Sie entstehen durch Wiederholung, Beobachtung und die Bereitschaft, Prozesse ehrlich zu hinterfragen. Gleichzeitig bleibt der wichtigste Rat erstaunlich entspannt: Braut zunächst das, worauf ihr wirklich Lust habt – und optimiert später dort, wo ihr einen konkreten Unterschied schmecken oder zuverlässig messen könnt.

Hört in die Folge hinein, vergleicht eure eigenen Lagerbierprozesse mit Bernds Ansatz und schreibt uns, welche Stellschraube bei euch den größten Qualitätssprung gebracht hat.

Biere in dieser Folge

  • Dumbest Dog in the West – Lieber Waldi
    • Das Hoppy Pilsner aus Köln wird mit Simcoe T90 als alleiniger Hopfensorte gebraut und hat 5,0 % vol. Alkohol. Paul nimmt eine moderne, harzige und zitrische Hopfenaromatik wahr, die dem klaren Pilsner-Grundgerüst eine deutliche Craft-Beer-Richtung gibt.
  • Europia – Maisel & Friends
    • Europia ist ein European Style IPA mit 6,3 % vol. Alkohol und 14,5 °P Stammwürze. Comet, Marynka, Aramis, Tango, Kazbek und Aurora bringen florale, kräuterige, zitrische und harzige Eindrücke ins Bier. Im Gespräch erinnert die Aromatik teilweise an ein klassisches West-Coast-IPA, wirkt aber weicher und weniger trocken. Das Bier wurde uns kostenlos zur Verfügung gestellt; die Nennung ist Werbung.
  • Helles, Batch 233 – Lagerbernd
    • Das Helle besteht laut Folge aus etwa 95 % Pilsner Malz und 5 % Carahell. Tradition und Mittelfrüh werden vergleichsweise früh gegeben; eine zusätzliche späte Aromagabe gibt es nicht. Die einfache Dekoktion, die kalte Gärführung mit W-34/70 und die Spundung ergeben ein klares, goldfarbenes und malzbetontes Bier mit etwas stärkerer Bittere als bei vielen modernen Hellen.
  • Czech Amber, Batch 234 – Lagerbernd
    • Das Czech Amber basiert auf dunklem böhmischem Tennenmalz und böhmischem Pilsner Malz, ohne Karamellmalz. Saaz Special, 36 IBU und eine doppelte Dekoktion sorgen für würzige Hopfenaromatik, einen kräftigen Malzkörper und eine tragende Bittere. Trotz des jungen Alters von etwa drei Wochen wirkt das Bier im Gespräch bereits harmonisch und sehr trinkbar.
  • Dunkles Landbier – Lagerbernd
    • Das dunkle Landbier kombiniert Pilsner Malz, Münchner Malz II und Carafa Special II. Das dunkle Röstmalz wurde erst nach der Dekoktion zugegeben; Perle kam bei 60, 20, 10 und 5 Minuten zum Einsatz. Im Glas zeigt sich das Bier klar und leicht rötlich, mit samtigem Mundgefühl, gut eingebundener Röstigkeit und einem hohen Endvergärungsgrad von rund 79 %.

Quellen 

[1] Lagerbernd: Offizielles Instagram-Profil.
https://www.instagram.com/lagerbernd/

[2] BrewForge: Professional Brewing Software for Homebrewers.
https://brewforge.sh/

[3] Maisel & Friends: Project Maisel 2026 – Europia.
https://www.maiselandfriends.com/en/beers/limited-beers/project-maisel-2026-europia/

[4] Lieber Waldi: Dumbest Dog in the West – Hoppy Pilsner.
https://lieberwaldi.de/products/dumbest-dog-in-the-west-4-pack

[5] Bill Brew: Offizielle Links und Informationen zur Brauerei in Hamburg-Billwerder.
https://linktr.ee/billbrew

[6] Fermentis: SafLager W-34/70.
https://fermentis.com/en/product/saflager-w-34-70/

[7] The Modern Brewhouse: Low-Oxygen Brewing – Methoden, Grundlagen und Prozesshinweise.
https://www.themodernbrewhouse.com/

[8] Brautag Podcast: Folge 2.KB16 – LoDo Bernd Spezial.
https://brautagpodcast.com/2025/07/24/folge-2-kb16-lodo-bernd-spezial/

[9] Brautag Podcast: Folge 3.03 – Oxidation: der größte Feind des Bieres.
https://brautagpodcast.com/2025/12/25/folge-3-03-oxidation-der-groste-feind-des-bieres/

[10] Beer Judge Certification Program: 2021 Beer Style Guidelines.
https://www.bjcp.org/style/2021/beer/

[11] Brautag Podcast: Folge 1.11 – Rezept Deep-Dive Pilsner mit Lagerbernd.
https://www.youtube.com/watch?v=nLPGi9zqCcA

[12] TRMNL: Offizielle Produkt- und Plattformseite des E-Paper-Displays.
https://trmnl.com/

[13] Vanderhaegen, Bart; Neven, Hedwig; Verachtert, Hubert; Derdelinckx, Guy: The chemistry of beer aging – a critical review. Food Chemistry, 2006.
https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0308814605000865

[14] National Center for Biotechnology Information: Sodium Metabisulfite – PubChem Compound Summary.
https://pubchem.ncbi.nlm.nih.gov/compound/Sodium-Metabisulfite

Abrufdatum der Internetquellen: 14. Juli 2026

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