Folge 3.S04 – Steinzeit Steinbier – Brautag
Kurzbeschreibung der Folge
Diese Podcastfolge ist kein klassischer Braubericht in Echtzeit, sondern die bewusste Rückschau auf ein Hobbybrauer-Experiment: den Brautag eines Steinzeit-Steinbiers, inspiriert von Göbekli Tepe, das heute zur neolithischen Fundlandschaft Taş Tepeler in Südostanatolien gezählt wird. Zeitlich bewegt sich das Ganze im präkeramischen Neolithikum (PPN), grob zwischen 9600 und 8200 v. Chr. – also in jener frühen Phase der Neolithisierung, dem tiefgreifenden Übergang von Jäger- und Sammlergruppen zu sesshaften Gemeinschaften und den ersten bäuerlichen Gesellschaften.
Flo war damals als rasender Reporter vor Ort in Oberfranken dabei, als Helge und der Bierschoff gemeinsam diesen Versuch wagten. In der Folge wird dieser Tag nun Schritt für Schritt rekonstruiert, eingeordnet und kritisch hinterfragt – inklusive der großen Frage, wie nah man mit heutigen Mitteln einer steinzeitlichen Braupraxis überhaupt kommen kann.
Im Mittelpunkt steht dabei nicht nur die Faszination früher Braukultur, sondern vor allem die ehrliche Reflexion des gesamten Projekts. Ausgangspunkt war die Überlegung, ein Bier zu brauen, das sich an den Möglichkeiten und Zutaten orientiert, die im Umfeld von Göbekli Tepe plausibel gewesen sein könnten – also in einer Zeit vor der Töpferei, in der Gefäße eher aus Holz, Stein, Leder oder anderen organischen Materialien bestanden haben dürften. Daraus entstand die Idee eines experimentellen Steinzeit-Steinbiers beziehungsweise eines „PPN Ale“, das historische Plausibilität, handwerkliche Braupraxis und Experimentierfreude zusammenbringen sollte.
Die Folge zeigt sehr anschaulich, wie viel Vorbereitung in diesem Brautag steckte. Schon die Wahl der Schüttung erwies sich als anspruchsvoll. Verwendet wurden Emmermalz, gekeimtes Einkorn und Freekeh – also Grünweizen aus der Region, den Tobi aka Bierschoff von seiner Reise mitgebracht hatte. Gleichzeitig wird offen thematisiert, dass diese Auswahl im Nachhinein keineswegs unangreifbar erscheint. Gerade das macht die Episode spannend: Die Beteiligten verteidigen ihre Entscheidungen nicht einfach, sondern prüfen sie kritisch. War Freekeh wirklich die beste Wahl? Wäre Rohgerste historisch plausibler gewesen? Wo bewegte man sich nah an den vermuteten Praktiken der Zeit – und wo traf man aus heutiger Sicht eher pragmatische oder sensorische Entscheidungen?
Das Getreide wurde nicht bequem mit moderner Technik geschrotet, sondern mit Reibsteinen bearbeitet. Allein dieser Schritt brachte eine der wichtigsten Erkenntnisse des gesamten Projekts hervor: Historische Prozesse erschließen sich oft erst dann wirklich, wenn man sie körperlich nachvollzieht. Rund 14 Kilo Schüttung wurden über viele Stunden in Handarbeit verarbeitet – mit all den Mühen, aber eben auch mit dem gemeinschaftlichen, beinahe sozialen Charakter dieser Arbeit.
Auch der eigentliche Brautag wird in der Podcastfolge nicht verklärt, sondern präzise aufgearbeitet. Gebraut wurde draußen in winterlicher Kulisse in Oberfranken – mit Feuer, erhitzten Granitsteinen und einem Eichenbottich als zentralem Gefäß. Schon hier setzt die kritische Perspektive der Folge ein: Ein hölzerner Bottich ist für diese Zeit nicht nachgewiesen. Für künftige Projekte und Experimente wäre deshalb ein Steintrog die plausiblere Wahl, wenn man sich noch enger an das denkbare materielle Umfeld dieser Zeit annähern möchte
Darin liegt überhaupt der besondere Reiz dieser Folge. Immer wieder wird gefragt, wo man sich eng am historischen Vorbild orientiert hat – und wo moderne Technik ganz bewusst zum Einsatz kam. Die Steine wurden mit einer Zange bewegt, Temperaturen mit dem Thermometer dokumentiert, und selbstverständlich spielten Sicherheitsaspekte eine Rolle. Im Gespräch wird das nicht als Widerspruch inszeniert, sondern sauber begründet: Moderne Hilfsmittel waren dort sinnvoll, wo sie den Prozess sicherer machten, ohne das Ergebnis unmittelbar zu verfälschen. Die Beteiligten machen also keinen Hehl daraus, dass absolute Authentizität weder erreichbar noch unbedingt erstrebenswert ist. Stattdessen geht es um eine reflektierte Balance zwischen Experiment, Rekonstruktion und Braupraxis.
Ebenso wichtig ist die Selbstkritik bei der Auswertung des Suds. In der Episode wird klar benannt, dass nicht alles ideal lief – und dass genau darin der eigentliche Erkenntnisgewinn liegt. Rückblickend wird besprochen, was man bei einem nächsten Versuch anders machen würde: etwa stärker in Richtung Gerste zu denken oder bestimmte Prozessparameter noch konsequenter zu variieren.
Und natürlich endet die Folge dort, wo sich ein Brauexperiment letztlich bewähren muss: im Glas. Das fertige Steinzeit-Steinbier wird verkostet und sensorisch eingeordnet. Beschrieben wird es als leicht, rund, zitrisch und dezent säuerlich, dazu geprägt von einer feinen Steinbier- beziehungsweise Rauchnote. Hinzu kommen kräuterige Eindrücke und eine grutartige Bittere. Gerade diese Verkostung verleiht dem ganzen Projekt eine zweite Ebene: Das Bier funktioniert nicht nur als Idee oder als historische Fingerübung, sondern offenbar auch sensorisch als eigenständiges und spannendes Getränk
biere in dieser Folge
1. Club Marte Cream Ale von Burger Bräu
2. Spezial Pils von Palmbräu
https://www.bierentdecker.com/bierfinder/details/palmbrau-unser-bestes-spezial-pils
3. Ur-Helles von Riedenburger
https://shop.riedenburger.de/RIEDENBURGER-Ur-Helles
4. Oserhäsla von Steinfelderbräu
https://huebner-braeu.de/produkt/staafelder-osterhaesla-festbier/
5. Schederndorfer Dunkles Landbier
6. Das experimentelle Steinzeit-Steinbier
Quellen
[1] Bayerischer Rundfunk (BR): Experimentelle Braukunst: Bierschoff braut Urzeitbier. In: ARD Mediathek, o. D. Online verfügbar unter: https://www.ardmediathek.de/video/abendschau/experimentelle-braukunst-bierschoff-braut-urzeitbier/br/Y3JpZDovL2JyLmRlL2Jyb2FkY2FzdC9GMjAyNVdPMDE3NTAwQTAvc2VjdGlvbi80MTBkMTRlOS04Y2U0LTQyMjctODU5OS1jZDNkMWRlM2I4YTk (Zugriff am: 25.03.2026).
[2] Bierschoff: Ein Steinzeitsteinbierbrautag. In: YouTube, o. D. Online verfügbar unter: https://www.youtube.com/watch?v=q7oaAgyRS3M (Zugriff am: 25.03.2026).
[3] derbierschoff: „Wir wollen authentisches Steinbier brauen. Was muss man da alles beachten?“ In: Instagram Reel, 31.01.2026. Online verfügbar unter: https://www.instagram.com/reel/DULnzsQDBjS/ (Zugriff am: 25.03.2026).
[4] Ancient Architects: „Amazing Discovery at Karahan Tepe: POTTERY… from the PRE-POTTERY Neolithic?!?!“, YouTube-Video, o. D. Online verfügbar unter: https://www.youtube.com/watch?v=QVPJQJcXmMM (Zugriff am: 25.03.2026).
[5] Ancient Architects: „10,000 Grinding Stones Found at Göbekli Tepe: A Centre of Food Processing?“, YouTube-Video, o. D. Online verfügbar unter: https://www.youtube.com/watch?v=l_4LGEwwrok (Zugriff am: 25.03.2026).
[6] Zarnkow, Martin; Spieleder, Elmar; Back, Werner; Sacher, Bertram; Otto, Adelheid; Einwag, Berthold: „Kaltmaischverfahren – eine mögliche Technologie im Alten Orient“, in: Die Brauwelt 10 (2006), S. 272–275. Online verfügbar unter: https://www.vorderas-archaeologie.uni-muenchen.de/forschung/projekt_syrien/literatur_bazi/2006b_zarnkow_et-al_brauwelt.pdf (Zugriff am: 25.03.2026).
[7] Sumner, James: „Early heat determination in the brewery“, in: Brewery History 121, S. 66–80. Online verfügbar unter: https://www.breweryhistory.com/journal/archive/121/bh-121-066.htm (Zugriff am: 25.03.2026).
[8] Dietrich, Laura et al.: „Investigating the function of Pre-Pottery Neolithic stone troughs from Göbekli Tepe – An integrated approach“, in: Journal of Archaeological Science: Reports 34 (2020), Art. 102618. DOI: 10.1016/j.jasrep.2020.102618. Online verfügbar unter: https://www.researchgate.net/publication/345259720_Investigating_the_function_of_Pre-Pottery_Neolithic_stone_troughs_from_Gobekli_Tepe_-_An_integrated_approach
[9] Dietrich, Laura (Hrsg.): Plant Food Processing Tools at Early Neolithic Göbekli Tepe. Oxford: Archaeopress, 2021. ISBN: 9781803270920. Online verfügbar unter: https://www.archaeopress.com/Archaeopress/Products/9781803270920 (Zugriff am: 25.03.2026).
[10] Garshol, Lars Marius: Historical Brewing Techniques: The Lost Art of Farmhouse Brewing. Boulder, CO: Brewers Publications, 2020. ISBN: 9781938469558.
[11] Liu, Li et al.: „Fermented beverage and food storage in 13000 y-old stone mortars at Raqefet Cave, Israel: Investigating Natufian ritual feasting“, in: Journal of Archaeological Science: Reports 21 (2018), S. 783–793. DOI: 10.1016/j.jasrep.2018.08.008. Online verfügbar unter: https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2352409X18303468 (Zugriff am: 25.03.2026).
[12] Milk The Funk Wiki: „Lactobacillus“, Wiki-Eintrag, zuletzt bearbeitet am 03.03.2026. Online verfügbar unter: https://www.milkthefunk.com/wiki/Lactobacillus (Zugriff am: 25.03.2026).
[13] Beer Studies: „Prehistory of the Asian beer brewing basins“, o. D. Online verfügbar unter: https://beer-studies.com/en/world-history/Birth-of-brewing/Combined-fermented_beverages/Asian-beer-brewing-basins (Zugriff am: 25.03.2026).
[14] Whitlam, Jade; Finlayson, Bill; Bogaard, Amy; Charles, Michael; Makarewicz, Cheryl A.: „Processing and storage of tree fruits, cereals and pulses at PPNA Sharara, southern Jordan“, in: Vegetation History and Archaeobotany 32 (2023), S. 501–516. DOI: 10.1007/s00334-023-00938-w. Online verfügbar unter: https://link.springer.com/article/10.1007/s00334-023-00938-w (Zugriff am: 25.03.2026).
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