Folge 2.KB08 – Kveik – Die stressresistenten Alleskönner

   

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Folge 2.KB08 – Kveik – Die stressresistenten Alleskönner Brautag

  1. Kurzbeschreibung der Folge   
  2. Key-Takeaways
  3. Quellen 

Kurzbeschreibung der Folge   

Kveik ist längst mehr als nur ein Trend aus der Hobbybrauer-Szene. Wer sich einmal ernsthaft mit dieser norwegischen Hefefamilie beschäftigt, merkt schnell: Hier geht es nicht um „eine weitere obergärige Hefe“, sondern um eine ganz besondere Gruppe domestizierter Farmhouse-Stämme mit Eigenschaften, die viele klassische Bierhefen alt aussehen lassen. Genau darum dreht sich diese Folge von „Kurz und Bierig“ – mit Flo und Paul, die eine Community-Frage aufgreifen und das Thema Kveik, Trehalose und Stressresistenz verständlich auseinandernehmen.

Zu Beginn fassen die beiden Kveik kurz und knackig zusammen: Kveik ist keine wilde Hefe, sondern eine domestizierte Variante von Saccharomyces cerevisiae, die über Jahrhunderte von norwegischen Bauern und Landbrauern genutzt wurde. Und genau diese historische Nutzung prägt bis heute ihre „Superkräfte“. Während viele Standard-Bierhefen bei Temperaturen jenseits der 30 °C an ihre Grenzen kommen, läuft Kveik bei 35 °C bis teils über 40 °C erst so richtig warm – und liefert dabei erstaunlich saubere, schnelle und effiziente Fermentation.

Ein weiterer Punkt, der Kveik so außergewöhnlich macht, ist ihre Robustheit im Handling: Trocknen, Lagern, wiederbeleben – alles kein Drama. Dazu kommt eine hohe Alkoholtoleranz (bis in sehr hohe Bereiche) und die Tatsache, dass man häufig mit deutlich geringeren Anstellmengen arbeiten kann. Kein Wunder also, dass Kveik in den letzten Jahren weltweit durch die Hobbybrauer- und Craftbeer-Welt gerauscht ist.

Doch dann wird’s richtig spannend: Flo und Paul gehen der eigentlichen Kernfrage nach – warum kann Kveik das alles überhaupt? Und die Antwort führt direkt zu einem Begriff, der zunächst nach Chemieunterricht klingt, aber extrem logisch wird, sobald man ihn versteht: Trehalose.

Trehalose ist ein Zucker, der aus zwei Glukosemolekülen besteht. Klingt banal – ist aber biologisch ein echtes Ass im Ärmel. Im Podcast erklären die beiden anschaulich, dass Hefezellen eine Art Schutzmauer besitzen: die Zellmembran (vereinfacht eine Lipid-Doppelschicht), die das empfindliche Innenleben der Zelle von der Außenwelt abgrenzt. Sobald Stressbedingungen auftreten – etwa Hitze, Trockenheit, hoher Zuckergehalt oder steigender Alkohol während der Gärung – wird diese „Mauer“ instabil. Bei normalen Hefen kann das dazu führen, dass die Membran undicht wird oder sogar kollabiert.

Hier kommt Trehalose ins Spiel: Kveik produziert unter Stress besonders viel davon – und Trehalose wirkt wie ein molekularer Schutzfilm bzw. Superkleber, der die Zellmembran stabilisiert und zusätzlich auch interne Zellstrukturen unterstützt. Der große Unterschied zu vielen anderen Hefen: Normale Bierhefen bilden Trehalose zwar auch, bauen sie aber nach der Stressphase wieder ab. Kveik dagegen behält diese „Schutzrüstung“ deutlich länger – und bleibt dadurch dauerhaft belastbarer.

Auch genetisch hat Kveik ein paar Besonderheiten im Gepäck: Paul erklärt, dass bei Kveik bestimmte Gene verändert sind, die Trehalose-Produktion und -Speicherung begünstigen. Besonders interessant wird es bei Transportmechanismen in der Zellmembran: Kveik priorisiert den Export von Trehalose nach außen, was die Stressresistenz stärkt – aber gleichzeitig den Import bzw. die Verarbeitung bestimmter Zucker (vor allem Maltotriose) erschweren kann. Das erklärt, warum manche Kveik-Stämme mitunter einen höheren Restzuckergehalt hinterlassen, als man es von klassischen „Hochleistungshefen“ gewohnt ist.

Und damit landet die Folge bei einem wichtigen Punkt, den viele Brauer unterschätzen: In der Biologie gibt es selten „nur Vorteile“. Die Kveik-Superkräfte haben ein Preisschild – und dieses liegt oft in der weniger effizienten Maltotrioseverwertung. Gleichzeitig war genau das historisch kein Problem, weil in der traditionellen norwegischen Brauweise andere Maischeprozesse und Würzezuckerprofile vorherrschten, die Kveik perfekt entgegenkamen.

Am Ende bleibt eine extrem wertvolle Erkenntnis: Hefen sind das Ergebnis ihres Domestizierungspfades. Die Bedingungen, unter denen sie über lange Zeit genutzt wurden, prägen ihre Eigenschaften – und Kveik ist der lebende Beweis dafür, wie sehr Braukultur, Technik und Biologie miteinander verwoben sind.

Key-Takeaways

  • Kveik ist keine wilde Hefe, sondern domestizierte Saccharomyces cerevisiae.
  • Kveik kann bei sehr hohen Temperaturen (35–42 °C) zuverlässig vergären.
  • Hohe Alkoholtoleranz und sehr schnelle Fermentation sind typische Kveik-Merkmale.
  • Der Schlüssel zur Stressresistenz heißt: Trehalose.
  • Trehalose stabilisiert die Zellmembran wie eine Art „Superkleber“.
  • Kveik produziert viel Trehalose und baut sie nach Stress nicht so schnell wieder ab.
  • Genetische Unterschiede erklären die besondere Trehalose-Dynamik.
  • Manche Kveik-Stämme verwerten Maltotriose schlechter → mehr Restzucker möglich.
  • Domestizierung und Brautechnik haben Kveik zu dem gemacht, was sie heute ist.

Quellen 

[1] Hopfenhelden. „KVEIK: Fancy Hefe aus Norwegen.“ Abrufbar unter: ⁠https://www.hopfenhelden.de/kveik-norwegische-farmhouse-hefe/⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠

[2] brau!magazin. „Kveik – alte Hefe für neue Biere.“ Abrufbar unter: ⁠https://braumagazin.de/article/kveik-deutsch/⁠.

[3] Foster, B., et al. „Kveik Brewing Yeasts Demonstrate Wide Flexibility in Beer Fermentation Temperature Tolerance and Exhibit Enhanced Trehalose Accumulation.“ Frontiersin Microbiology, 2022. DOI: ⁠10.3389/fmicb.2022.747546⁠. [4] Isbell, T. M. „Assessment of Stress Tolerance and Fermentation Performance in Traditional Norwegian Landrace (Kveik) Yeast.“ Dissertation, University of Nottingham, 2023.

[5] Elbein, A. D., et al. „Trehalose: Metabolism, Function, andApplications.“ Microbiology and Molecular Biology Reviews 67.1(2003): 57–109. DOI: 10.1128/MMBR.67.1.57-109.2003.

[6] What makes kveik a super-yeast

⁠https://www.garshol.priv.no/blog/423.html

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