Folge 2.06 – Wie das IPA die USA (erneut) eroberte

   

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Folge 2.06 – Wie das IPA die USA (erneut) eroberte Brautag

  1. Kurzbeschreibung der Folge   
  2. Key-Takeaways
  3. Quellen 

Kurzbeschreibung der Folge   

IPA ist heute der wahrscheinlich bekannteste Bierstil der Welt – und gleichzeitig einer der am häufigsten missverstandenen. West Coast, New England, Juicy, Hazy, Cold, Brut, Session, Double… gefühlt trägt jede zweite Dose irgendwo „IPA“ im Namen. Aber wo kommt das amerikanische IPA eigentlich her – und wie hat sich der Stil wirklich entwickelt? Genau darum geht es in dieser Hauptfolge von Brautag, mitten in Staffel 2 zum Bierstil IPA.

Flo und Paul räumen dabei mit einer typischen Craft-Beer-Erzählung auf, die man überall hört: Anchor 1965, New Albion 1976, Craft Beer Revolution – Ende. Doch so einfach ist es nicht. Denn wie sie gleich zu Beginn betonen: Geschichten mit nur einem Ursprung sind gefährlich – es gibt fast immer Vorgänger. Und beim IPA in den USA ist dieser Vorgänger ziemlich klar: Ballantine’s IPA.

Im ersten großen Block nimmt Flo die Hörer mit zurück in die erste Hälfte der 1800er Jahre. Damals lag das Brauzentrum im Nordosten der USA – in Regionen wie Philadelphia, New York und Neuengland. Dort dominierten englische Brauprakti­ken, und die USA waren gleichzeitig ein Land, das einerseits englisches Bier importierte, andererseits aber auch selbst Bier exportierte – bis nach Indien und China.

Besonders spannend: Der Begriff „IPA“ taucht in den USA bereits 1855 erstmals offiziell auf – und zwar bei A. Dunlap of Albany (New York). Das zeigt: IPA ist in Amerika kein moderner Import-Begriff, sondern historisch verankert.

Dann wird’s nerdig – im besten Sinne: Flo beschreibt, wie amerikanische IPAs im 19. Jahrhundert ausgesehen haben. Wir reden hier über 16–17,5° Plato, sehr helle Malze, hohe Vergärung, ordentlich Hopfen (historisch umgerechnet teilweise 5–10 g/L im Sudhaus plus Stopfen) und Bittere in einer Größenordnung von etwa 70 IBU. Als dominierende Sorte galt damals der heimische Cluster-Hopfen, später ergänzt durch englische Sorten wie Goldings oder Fuggles. Selbst Zuckerzugaben waren üblich – um Stammwürze, Alkohol, Drinkability und sogar die helle Farbe zu beeinflussen.

Im Mittelpunkt steht schließlich Ballantine: eine Brauerei, gegründet 1830/1833 von Peter Ballantine, die sich mit ihren Ales schnell einen Namen machte. Selbst legendäre, extrem lange gereifte Biere werden erwähnt – bis hin zu absurden Reifezeiten. Und vor allem: Ballantine ist der entscheidende Name, weil diese IPA-Tradition nicht komplett verschwunden ist.

Nach Wirtschaftskrise, Konsolidierung und Prohibition blieb nämlich ausgerechnet Ballantine’s IPA als einer der letzten Vertreter übrig – und überlebte sogar lange nach der Prohibition weiter. Flo beschreibt das „Post-Prohibition Ballantine IPA“ sehr konkret: ca. 18° Plato, 7,4% ABV, etwa 60 EBU, einjährige Fassreifung und Dry Hop per Extrakt – u.a. mit Bullion-Hopfen. Gleichzeitig räumt er mit der oft wiederholten Behauptung auf, Ballantine hätte denselben Hefestamm wie Sierra Nevada/Chico genutzt: „Fake News.“

Im zweiten Part liefert Paul dann endlich wieder „Zahlen, Daten, Fakten“ – und die zeigen, warum IPA heute so dominant ist: Aus nur 8 Craft Breweries (1980) wurden 537 (1994) und schließlich über 9500 (2023). Gleichzeitig liegt der Pro-Kopf-Bierkonsum in den USA (2022) bei ca. 73 Litern, deutlich weniger als früher – aber Craft Beer ist wirtschaftlich riesig: 27% Umsatzanteil, obwohl es nur 8% des Volumens ausmacht. Und jetzt das Wichtigste: Rund 40% der Craft Beer-Verkäufe in den USA entfallen auf IPAs.

Anschließend geht’s in die Craft-Beer-Zeitlinie: Anchor Brewing als historischer Wendepunkt (Fritz Maytag kauft Anchor 1965), dann der Cascade-Hopfen im Liberty Ale, der lange als „zu anders“ galt – und später zur Blaupause moderner US-Hopfenaromen wurde.

Flo ballert dann im Zeitraffer die Meilensteine raus: Homebrewing-Legalisierung 1978, Sierra Nevada 1980, Celebration Ale als früher IPA-Vorreiter, das erste Bier mit „IPA“ auf dem Label im Craft-Kontext (Grant’s IPA), und schließlich die Gründungswelle der Kult-Brauereien von Goose Island bis Other Half.

Der spannendste Stil-Teil kommt zum Schluss: Paul erklärt, warum „American IPA“ heute fast wie eine Zeitkapsel wirkt – und warum West Coast IPA lange eher ein Marketingbegriff war, bevor er sich als Stilbegriff durchgesetzt hat. Und er macht deutlich: West Coast IPA ist (je nach Guideline) ein Unterstil oder ein modernes American IPA – aber die Grenzen sind fließend.

Sensorisch bringt er es dennoch auf den Punkt: West Coast IPAs sind typischerweise hell, trocken, knackig bitter, spritzig, mit neutralem Malzprofil, später Hopfung und einem Hopfenprofil, das auch harzig/dank/piney sein darf. Und genau hier fällt auch der wichtigste Satz: American IPA wirkt oft ausgewogener – West Coast darf kantiger sein.

Zum Abschluss liefern die beiden noch eine schöne Einordnung in verschiedene IPA-Welten – von klassischen Ursprüngen über Revival und Hazy-Boom bis zu Hybridstilen wie Brut, Milkshake oder Cold IPA.

Key-Takeaways

  • Geschichten über Craft Beer haben meist mehr als „einen Ursprung“ – Ballantine’s IPA war ein entscheidender Vorläufer.
  • Der Begriff „IPA“ wurde in den USA schon 1855 verwendet (A. Dunlap, Albany).
  • Amerikanische IPAs im 19. Jahrhundert waren stark, hell, hoch vergoren und oft extrem bitter.
  • Cluster war eine der wichtigsten Hopfensorten im frühen US-IPA.
  • Ballantine überlebte Prohibition und trug die IPA-DNA bis in die Moderne weiter.
  • Anchor Liberty Ale war ein früher Hopfen-Meilenstein (Cascade), auch wenn es nicht „IPA“ hieß.
  • Craft Beer explodierte in den USA: von 8 Craft Breweries (1980) auf >9500 (2023).
  • IPA ist bis heute der wichtigste Craft-Stil: ca. 40% der Craft Beer-Verkäufe in den USA.
  • West Coast IPA war lange eher Marketing und wurde erst später als Stilbegriff richtig etabliert.
  • American IPA ist oft „ausgewogen“, West Coast darf „kantiger“, trockener und bitterer wirken.

Quellen 

[1] ⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠https://allaboutbeer.com/ballantine-ipa/⁠

[2] Clone Rezept Ballantine IPA

⁠https://byo.com/article/make-mine-ballantine/⁠

[3] ⁠https://learn.kegerator.com/bullion-hops/⁠

[4] The British Pint – Aroma-Analyse englischer Hopfen -Epic, Bullion, Pilgrim und Phoenix | Hopfenauszüge #5

⁠https://www.youtube.com/watch?v=BZwS3EJUTkU⁠

[5] San Francisco’s Anchor Brewing gets new owner

⁠https://www.youtube.com/watch?v=Sb-A7oLmxHI⁠

[6] IPA: Brewing Techniques, Recipes and the Evolution of India Pale Ale, Mitch Steele

⁠https://www.amazon.de/IPA-Brewing-Techniques-Recipes-Evolution/dp/1938469003

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